(Werbung) Anna Weydt: Das steinerne Schloss*

(Werbung) Anna Weydt: Das steinerne Schloss. Rezension

Inhalt 

 Ein Talisman, der sie beschützt. Eine Sage, die sie verfolgt. Ein Familiengeheimnis, das sie lüften muss.

Als Charlie aus dem Nichts von mythischen Kreaturen angegriffen wird, treten ihre Alltagssorgen mit einem Schlag in den Hintergrund. Die einzige Aussicht auf Schutz bietet ein Bündnis mit dem wortkargen Erik, der ihr wie auf Schwingen getragen zu Hilfe eilt. Kann ihr mysteriöser Retter Licht ins Dunkel bringen?
Gefangen in einem Labyrinth aus Lügen kämpft Charlie um Antworten. Doch fündig wird sie erst, als es längst kein Zurück mehr gibt.

(Quelle Klappentext)

Meine Meinung und Fazit

Ein Urban Fantasy-Roman - mein erster Selfpublisher -, der mich in vielerlei Hinsicht überzeugen konnte. In der Regel tummeln sich in den phantastischen Geschichten, die ich lese, Elfen, Zwerge, Drachen, Hobbits... kurz: das gesamte Personal der Fantasy, wie wir es seit Tolkien kennen. Aber hier begegnen mir nun auch andere Wesen: die Hydra, der Greif, Ghule, Engel und Frau Welt; kurz: Wesen, die in der heutigen Fantasyliteratur seltener auftreten, aber zu anderen Zeiten beliebte literarische Figuren waren. Die Literatur des Hoch- und Spätmittelalters etwa ist voll von antiken mythologischen Figuren und anderen Fabelwesen des Mirabilienorients, den wir etwa aus der Alexanderdichtung Ulrichs von Etzenbach oder des Pfaffen Lambrecht kennen. Und somit sind wir schon mitten in dem Punkt, der Annas Roman für mich besonders interessant macht und von der übrigen zeitgenössischen Fantasy abhebt: die vielen kleinen und größeren Verweise auf die mittelhochdeutsche Literatur. Am deutlichsten stehen hierfür die Verse aus Konrads von Würzburg Der Welt Lohn (um 1260), eine Verserzählung, in der ein nach Ruhm und Ehre strebender Ritter, Wirnt von Grafenberg, Frau Welt begegnet, die ihm ihre Kehrseite offenbart. In der Erkenntnis, dass sein Streben falsch war, wendet er sich Gott zu und wird zum miles Christi, zum christlichen Ritter. Es gibt Parallelen zwischen Das steinerne Schloss und Konrads Verserzählung. 

Das Motiv der Frau Welt ist eine typische Allegorie des Hochmittelalters. So heißt es etwa bei Walther von der Vogelweide in seinem Sangspruch Frô Welt, ir sult dem wirte sagen (L 100,24): 

3. "Frô Welt, ich hân ze vil gesogen, / ich wil entwonen, des ist zit. / dîn zart hât mich vil nâch betrogen, / wand er vil süezer fröiden gît. / dô ich dich gesach reht under ougen, / dô was dîn schoene an ze schouwen wunderlîch al sunder lougen. / doch was der schanden alse vil, / dô ich dîn hinden wart gewar, / daz ich dich iemer schelten wil."

3. "Frau Welt, ich bin zu lange an deiner Brust gelegen: / Ich will mich entwöhnen, es wird Zeit. / Deine Zärtlichkeiten haben mich beinahe hereingelegt, / denn sie sind voller süßer Freuden. / Als ich dir gerade ins Gesicht sah, / da warst du in deiner Schönheit wirklich herrlich anzusehen. / Doch als ich dich von hinten sah, / waren die Scheußlichkeiten allzu viel, / daß ich dich immer schelten werde."

Frau Welt steht für die weltlichen Freuden. Von vorne ist sie wunderschön, doch ihre Rückseite ist hässlich und missgestaltet. Sie zeigt, dass das weltliche Schöne nur Fassade und nichts Erstrebenswertes ist. 

Ein weiteres Motiv der Versepik des Hochmittelalters ist der Paradiesstein. In der gleichnamigen Episode im Straßburger Alexander verlangt dieser Tribut vom Paradies. Dort überreicht man ihm jedoch lediglich einen Stein, verbunden mit der Aufforderung, sich dessen Bedeutung von einem weisen Mann erläutern zu lassen. Eine Besonderheit des Steins, der einem menschlichen Auge ähnelt, ist es, dass er zugleich leicht und schwer ist. Der Paradiesstein ist ein typisches Symbol der hochmittelalterlichen Didaxe. Möglicherweise ist er mit dem bekannteren Stein der Weisen gleichzusetzen. Er warnt Alexander davor, weiter nach (vergänglichem) weltlichen Ruhm zu streben. 

Wer mir auf Instagram oder auch hier folgt, wird wissen, dass ich Germanistik mit Schwerpunkt auf Mediävistik, also Sprache und Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, studiert habe. Es sind diese Kleinigkeiten im Roman, die mich daher besonders ansprechen und begeistern. 

Darüber hinaus überzeugen die Charaktere, allen voran die Protagonistin Charlotte, die nie überzeichnet wirkt oder dem Leser unsympathisch wird. Aber auch die Nebencharaktere sind detailliert ausgearbeitet und voll Tiefe. Die Konzentration auf wenige Charaktere ermöglicht es, die Handlung entsprechend stärker und detailreicher auszugestalten. Dabei wird die Spannung gehalten, auch an Stellen, die vergleichsweise ereignislos sind. Sogar für ein angenehmes Gruseln ist gesorgt. Gerade zum Ende nimmt der Roman noch einmal deutlich an Fahrt auf. Auch das Ende bzw. der Epilog überzeugen. Selbst romantische Stellen sind nie kitschig oder unpassend gestaltet. Der Erzählstil ist flüssig und trägt den Leser durch die Geschichte. 

Insgesamt hat mir Das steinerne Schloss von Anna Weydt sehr gut gefallen. Großartig fand ich auch die Kampagne zum Buch, die das Leseerlebnis noch interaktiver gestaltet hat.

Der Fantasyroman konnte mich vollauf überzeugen und ich würde mir wünschen, dass mehr Fantasyautoren sich an den klassischen Texten des Mittelalters orientieren und sich an ihrem reichen Fundus von Symbolen, Allegorien, Figuren usw. bedienen würden. 

 

Anna Weydt: Das steinerne Schloss, Harper Collins Germany (books2read), 323 S., 2018, ASIN B07G9JF2SN, 5,99 Euro (Kindle). 

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*Dieses Ebook wurde mir freundlicherweise von der Autorin als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension entspricht jedoch meiner persönlichen Meinung. Es wurden keine Vorgaben zum Inhalt der Rezension gemacht. Ich erhalte für meine Rezension keinerlei Vergütung.