Prokrastinierst du noch oder schreibst du schon?

Prokrastinierst du noch oder schreibst du schon?

 

Ich bin mir sicher, jeder Student kennt es und hat diese Phasen schon durchlebt - sei es in den Semesterferien, wenn sich die ungeschriebenen Hausarbeiten auf dem Schreibtisch türmen oder - wie bei mir - am Ende seines Studiums beim Schreiben seiner Abschlussarbeit. Auf einmal sind 1 000 Dinge wichtiger und dringender als endlich mal mit der Arbeit zu beginnen. Da werden Fenster geputzt, Bücher farblich sortiert oder Onlineshops unsicher gemacht. Und mit jedem angesehen Katzenvideo bei YouTube wächst das schlechte Gewissen.
"Ich sollte wirklich mal meine Quelle durcharbeiten... Meine Gliederung muss überarbeitet werden... Sollte ich nicht schon längst einen Termin mit meinem Prof vereinbart haben?" Aber hey, 20 Seiten sind doch schließlich schon geschrieben. Wie schwer kann es sein, auch noch die nächsten 80 zu füllen? Und so belügt man sich jeden Tag ein bisschen mehr. Nur, was hilft denn tatsächlich aus dieser Spirale der Motivationslosigkeit?

Plane deine Woche! 

So setze ich mich Sonntagabend oder Montagmorgen an meinen Schreibtisch, nehme meinen Kalender zur Hand und überlege, welche Termine diese Woche anstehen, wann ich arbeiten gehe und wann Zeit für meine Masterarbeit eingeplant ist. Dabei berücksichtige ich jedoch auch, wann für mich gute Zeiten zum Schreiben sind. Ich etwa bin ein Morgenmensch und entsprechend in der Zeit von 8 bis 12 Uhr am produktivsten. Entsprechend lege ich meine Termine gerne in den frühen Nachmittag - eine für mich ohnehin arbeitstechnisch verlorene Zeit.

Setze dir realistische Ziele!

Klar, ein ganzes Kapitel innerhalb einer Woche fertig zu schreiben wäre schon toll, aber ist es auch realistisch? Meiner Erfahrung nach eher nicht. Also setze ich mir kleinere Ziele: Kapitel 1 bis 15 meiner größten Sekundärquelle einarbeiten. Oder Kapitel 2.1. und 2.2. beenden. Wer sich seine Ziele in kleinere Häppchen aufteilt, hat häufiger Erfolgsmomente und das tatsächliche Gefühl etwas zu schaffen. Was nützt mir eine lange, beeindruckende To Do-Liste, vor der ich dann am Wochenende sitze und verzweifle, weil nichts davon wirklich abgehakt werden kann?

Belohne dich!

Du konntest einen Punkt deiner To Do-Liste für heute abhaken? Mach dir einen Kaffee, gehe eine Runde spazieren, nimm dir heute Abend Zeit für dich und ein gutes Buch. Oder schaue die neue Folge deiner Lieblingsserie erst, wenn du deine Tagesziele erreichen konntest. Kleine Belohnungen schaffen einen Anreiz, Dinge eher zu erledigen.

Mach dich nicht verrückt!

Du hast dein Tagesziel heute nicht geschafft? Das Kapitel steht noch nicht endgültig? Aber du bist blockiert, kannst keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dann steh auf, klappe den Laptop zu (natürlich nicht ohne vorheriges Zwischenspeichern) und mache etwas anderes. Etwas, dass nichts mit deiner Arbeit zu tun hat, sondern wo du die Gedanken im besten Fall "freilassen" kannst. Du wirst feststellen, sobald du nicht mehr verbissen über dein Thema nachdenkst, fallen dir neue Aspekte, Ideen und Formulierungen ein.
Ich habe mir diese dann immer ins Handy notiert. Das hat man meist griffbereiter als Stift und Papier und so geht keiner deiner Gedanken verloren.

Durchhänger sind okay!

So, die Woche ist rum und du hast nur an zwei von sieben Tagen etwas geschrieben. Die fünf Aufsätze hättest du heute eigentlich noch einarbeiten sollen, aber es ging wirklich gar nichts. Und daran, dass auch noch eine vernünftige Kapiteleinleitung geschrieben werden sollte, willst du lieber gar nicht denken. Du bist blockiert, aber du kannst doch jetzt nicht schon wieder nichts für die Arbeit tun. Sie soll schließlich auch fertig werden. In solchen Momenten habe ich all diesen "Formatierungsquatsch" erledigt, der mir sonst auf die Nerven gegangen ist, habe Fußnoten überarbeitet, das Literaturverzeichnis ergänzt, Zitate eingerückt usw. - eben Arbeiten, die wichtig sind für die Arbeit, aber nicht viel Nachdenken erfordern. So hast du am Ende des Tages trotz allem das gute Gefühl heute weitergekommen zu sein.

Ganz wichtig: Lass dich nicht von anderen verrückt machen! Natürlich tauscht man sich mit Freunden und Kommilitonen aus, aber letztendlich hat jeder seine eigene Arbeitsweise: Die einen sitzen bis weit nach Mitternacht am Schreibtisch und sind produktiv, die anderen sitzen dafür bereits morgens ab halb sieben in der Unibibliothek. Finde für dich heraus, wann und wie Du am besten arbeiten kannst. Vielleicht vergleichst du dich und es entsteht bei dir der Eindruck, die anderen würden effizienter oder schneller arbeiten als du. Aber glaube mir, sie haben genau die gleichen Ängste wie du, die gleichen Sorgen und Probleme.

Während meiner Schreibphase habe ich oft gedacht, ich würde es nicht schaffen, meine Arbeit wäre nicht gut, nicht wissenschaftlich, zu banal, andere wären besser, schneller, hätten die besseren Themen, die bessere Arbeitsmoral, die bessere Arbeitsweise. Das war Gift für mich und für meine Kreativität: es hat mich klein und unsicher gemacht und nichts zu meiner Arbeit beigetragen. Versuche, dich von solchen Gedanken freizumachen. Sie blockieren dich nur. (Ich weiß, ich weiß, das ist immer leichter gesagt als getan...)

Und immer wenn ich das Gefühl hatte, der Berg Arbeit sei zu groß um ihn bewältigen zu können, musste ich an Beppo Straßenkehrer in Michael Endes Momo denken:

"Siehst du, Momo", sagte er dann zum Beispiel, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt sich, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man." [...] "Dann fängt man an, sich zu eilen [...]. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. [...] Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat."

(Michael Ende: Momo, Thienemann, Stuttgart, Wien 1995, S. 36f.)