Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen*

Rezension Neil Gaiman Nordische Mythen und Sagen

Inhalt 

Warum bebt die Erde? Wie kam die Poesie in unsere Welt? 
Neil Gaiman erzählt die nordische Mythologie neu, mit Witz und Sinnlichkeit, voller Zuneigung und Neugierde. Wir treffen den mächtigen Odin, reisen mit Thor und seinem Hammer durch die nordischen Welten, sind bezaubert und entsetzt von den Göttern. Machen Sie sich die Sagen zu eigen, erzählen Sie sie weiter, an den langen Winterabenden, in den lauen Sommernächten. Nach der Lektüre werden Sie selbst die Wolken mit anderen Augen betrachten.
(Quelle: Verlagsseite Eichborn)

Meine Meinung und Fazit

Was man zunächst wissen sollte: es handelt sich hier nicht um einen Roman. Ganz im Stil von Gustav Schwab und Karl Simrock hat Neil Gaiman hier die Erzählungen der Edda, einer Sammlung von nordischen Götter- und Heldensagen in Altisländisch aus dem 13. Jahrhundert, nacherzählt. Und es ist sein Anspruch mit Nordischen Mythen und Sagen das zu schaffen und zu werden, was Gustav Schwab für die Sagen des klassischen Altertums ist. 

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, hat sich Gaiman intensiv mit der nordischen Mythologie auseinandergesetzt, Snorra-Edda und Lieder-Edda im Original (und nicht in ihren - moderneren - Nacherzählungen) gelesen und sich vor allem tief in die Forschungsliteratur eingearbeitet. Es ist das darauf basierende fundierte Wissen über die germanische Mythologie, dass dieses Buch so wertvoll macht. 

Ich habe mich bereits als Kind für die Mythen und Sagen der Antike interessiert und begeistert die Nacherzählungen Gustav Schwabs gelesen. Mit den nordischen Göttern hatte ich eher wenig Berührung. Als Jugendliche habe ich einmal eine Auswahl nordischer Sagen in der Nacherzählung von Karl Simrock gelesen, die mich allerdings nicht so begeistern konnte wie das Werk Schwabs. Erst Gaiman hat es jetzt mit seinen Nacherzählungen geschafft, mich für die nordische Mythologie zu begeistern. Basierte meine Vorstellung von Loki, Thor und Co. zuerst auf der Darstellung im Marvel-Universum, so finde ich die germanischen Götter jetzt viel spannender und interessanter, ja vielschichtiger als die Götter der griechischen Mythologie. Es sind Helden, ja, aber sie machen Fehler. Nicht einmal Odin mit seiner unendlichen Weisheit ist perfekt. Die Welt, in der die Asen sich bewegen, ist rauh und brutal, hat aber ihre eigene Faszination. Auch der Ideenreichtum der Mythen ist bemerkenswert: Besonders angetan hat es mir das Eichhörnchen Ratatöskr, das im Weltenbaum Yggdrasil zwischen den Wurzeln, wo der Drache Nidhöggr sitzt, und dem Adler in der Baumkrone hin und her rennt und mit boshaften Bemerkungen und Gerüchten die beiden gegeneinander aufhetzt und so ihren Streit befeuert. 

Wer bisher, so wie ich, noch keinen Zugang in die nordische Mythologie finden konnte und wem die Erzählungen Simrocks vielleicht ein wenig zu trocken und aus der Zeit gefallen erscheinen, der wird mit Nordische Mythen und Sagen einen Einstieg in die reiche Vielfalt der altnordischen Erzählungen finden. Auf jeden Fall werde ich American Gods nun mit ganz anderen Augen sehen (und lesen). 

Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen, übers. von André Mumot, Eichborn, Köln 2019, 253 S., ISBN 978-3-8479-0667-4, 14 Euro. 

 

*Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Eichborn als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension entspricht jedoch meiner persönlichen Meinung. Es wurden keinerlei Vorgaben zum Inhalt der Rezension gemacht. Ich erhalte dafür keinerlei Vergütung. Die gesetzten Verlagslinks dienen lediglich der weiterführenden Information.