Mit 30 ist man erwachsen... oder?

 Mit 30 ist man erwachsen... oder?

Von allen Geburtstagen, die man in seinem Leben so begeht, gibt es manche, die Meilensteine darstellen: der Tag der Geburt natürlich, der 18. Geburtstag und für die meisten irgendwie auch der 30. Wie alt sind uns doch früher alle die vorgekommen, die älter waren als 30. Als wäre es von da an nur noch ein kleiner Schritt zum Greis. Und dann die ganze Verantwortung mit Kindern und Job und Ehe und so weiter. Und immer der Gedanke: Mit 30, da bin ich dann erwachsen. Da weiß ich, wo ich stehe im Leben, was ich will, was ich erreichen kann, wer ich bin. Da bin ich im Leben 'gesettelt'.

Jetzt habe ich also auch diese magische Zahl erreicht. Und das vorherrschende Gefühl gleicht einer Quarter-Life-Crisis. Was habe ich denn erreicht? Naja, Uni abgeschlossen, okay. Einigermaßen konkreten Berufswunsch, okay. Feste Beziehung? Ja auch. Aber sonst? Wenn man mich vor zehn Jahren gefragt hätte, wo ich mich denn mit 30 sehe, dann hätte ich vermutlich geantwortet: verheiratet, erstes Kind, erste Karrierestufe erreicht. Und stattdessen sage ich meinem jugendlichen Ich jetzt eher so: nope. Statt Kind gibt es eine Katze und statt Karriere bin ich bei Game of Thrones up to date. Und frage mich, ob es eigentlich etwas Schlechtes ist noch nicht die typischen Wegpunkte im Leben erreicht zu haben. Ich sehe mich um, bei Buzzfeed und Facebook und stelle fest, dass es doch anderen "Millenials" auch nicht anders geht. Dass gerade die Neunziger trenden und Beiträge wie "15 Spielzeuge, die jedes 90er-Kind hatte" oder "30 Dinge, die heutige Teenager nicht mehr kennen" populär sind, zeigen, dass sich noch mehr zurück wünschen. Und wir erfinden Ausreden wie "ich bin beziehungsunfähig" oder "ich muss mich entfalten können" und machen uns doch eigentlich nur selbst was vor.

So sehne mich zurück und denke dabei: würde ich wirklich zurückwollen, wieder sein wer ich war? Und das ist der Punkt, an dem ich anfange Bilanz zu ziehen: Zugegeben, ich stehe nicht da, wo ich dachte, wo ich stehen würde. Aber dennoch habe ich ganz viel erreicht, habe mich weiterentwickelt. Ich weiß, was ich alles schaffen kann und was ich nie schaffen werde. Habe Erfahrungen gemacht, die sich niemals wiederholen werden. Habe Entscheidungen getroffen, die ich bereue, aber an denen ich auch gewachsen bin. Weiß jetzt, wer ich bin, was ich will und was ich tun muss, um das zu erreichen. Weiß, was mir gut tut und was nicht. Weiß, welcher Kleidungsstil mir steht, welches Makeup, welcher Lippenstift, welche Frisur. Ich muss nichts mehr ausprobieren, ich muss nicht ständig an mir zweifeln und muss nicht länger den Fehler bei mir suchen. Bin also irgendwie angekommen.

Und jetzt? Fühle ich mich nun alt, bin ich von mir enttäuscht? Nein, denn wenn ich ehrlich bin, beginnt doch jetzt die beste Zeit meines Lebens, in dem vollen Bewusstsein nun wirklich ich und angekommen zu sein. Und ich blicke zurück, auf die "Jugend" mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit Stolz auf meinen Weg und das Ergebnis. Und ich denke mir, dass das Mädchen, das ich war, doch eigentlich ganz zufrieden mit mir sein würde, auch wenn ich nicht erreicht habe, was es sich vorgestellt hat. Aber hey, dafür habe ich noch den Rest meines Lebens.