Jugendfantasy? Fantastische Jugendliteratur? Jugendliche Fantasy? Zur Problematik der Genre-Zuweisung

Zur Problematik der Genre-Zuweisung von Jugendliteratur

Fairytales are more than true: not because they tell us that dragons exist, but because they tell us that dragons can be beaten.

(Neil Gaiman: Coraline)

Wenn man sich, wie ich, mit Fantasy beschäftigt und bevorzugt Bücher dieses Genres liest, so bemerkt man rasch, dass es scheinbar keine klare Gattungsgrenze zwischen Erwachsenen- und Jugendliteratur zu geben scheint. Gerade beim Stöbern durch die Buchhandlungen erscheint die Einordnung in die jeweilige Rubrik mitunter sehr willkürlich. Sogar bei Romanen, deren Verortung eigentlich recht eindeutig ist, wie etwa J.R.R. Tolkiens Kinderbuch Der Hobbit, der wahlweise in der Kinder- und Jugendbuchabteilung oder der klassischen Fantasy, Seite an Seite mit Tolkiens Der Herr der Ringe und Das Silmarillion, zu finden ist. 

C.E. Bernards Palace-Saga liegt ebenfalls entweder in der Fantasy- oder der Jugenbuchabteilung aus, während Jay Kristoffs Nevernight und Leigh Bardugos Das Lied der Krähen nur unter Fantasy zu finden sind; ein interessanter Umstand ist dabei, dass Bardugos Grischa-Trilogie wiederum zu den Jugendbüchern gezählt wird. Und die Bücher von Sarah J. Maas, die in manchen Passagen - ich denke etwa an entsprechende Szenen in A Court of Wings and Ruin - deutlich zur Erwachsenenliteratur tendieren, sind ausschließlich in den Jugendbuchabteilungen zu finden. 

Doch warum wird im Fantasy-Genre, gerade wenn es in die Richtung Romantasy geht, nicht eindeutig zwischen den Altersgruppen unterschieden?

Schauen wir uns zunächst die Gattung näher an:

Gemeinsam ist beiden Fantasy-Gruppen, dass sie ein Subgenre der Phantastik darstellen, also jener literarischen Gattung, die durch die Faktizität des Wunderbaren, des Fantastischen gekennzeichnet ist. Aber schon allein die Gattungsbestimmung der Phantastik ist in der literaturwissenschaftlichen Forschung nicht abschließend geklärt. Die Grenzen zu anderen Gattungen sind fließend, auch wenn man sich auf einen Kanon von Autoren weitgehend verständigen konnte. Im Deutschen wären Vertreter der phantastischen Literatur etwa E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka, Michael Ende und weitere. 

Ist die Phantastik durch Märchen und Sagen eine vergleichsweise alte Gattung, so ist die moderne Fantasyliteratur sehr neu; als ihr Begründer gilt häufig J.R.R. Tolkien, dessen Der Herr der Ringe erst in den 1950er Jahren erschienen ist. (Ich bin der Ansicht, dass die phantastische Literatur des Mittelalters, etwa der Beowulf oder das Nibelungenlied (soweit diese Gattungsbezeichnung für jene Werke gelten kann) und der Romantik zwar als Vorbilder der modernen Fantasy und Science-Fiction dienten, aber nicht als direkte Vorläufer gewertet werden können.)

In der Regel wird von der Fantasy die Phantastische Kinder- und Jugendliteratur geschieden, die durch das Zwei-Welten-Modell, also dem Aufeinandertreffen der realen und einer magischen Welt, gekennzeichnet ist. Ein Beispiel hierfür wären etwa Michael Endes Die unendliche Geschichte oder Harry Potter. Doch genau hier verwischt die Grenze wieder, finden wir doch ein solches Zwei-Welten-Modell auch in der Erwachsenenliteratur, etwa in den Vampirromanen von Anne Rice, in Neil Gaimans American Gods oder den Sookie Stackhouse-Büchern von Charlaine Harris. Wie schwierig die Trennung der Genres ist, zeigt recht eindrucksvoll der - gut recherchierte, fundierte - Wikipedia-Artikel zur Fantasy, der die verschiedenen Subgenres sowie ihre Vertreter listet (in Auswahl):*

High Fantasy 

J.R.R. Tolkien: Der Herr der Ringe; George R.R. Martin: Das Lied von Eis und Feuer; Bernhard Hennen: Die Elfen; Markus Heitz: Die Zwerge; Christopher Paolini: Eragon; Sarah J. Maas: Throne of Glass

Contemporay, Urban Fantasy

Neil Gaiman: American Gods; Joanne K. Rowling: Harry Potter; Cassandra Clare: Die Chroniken der Unterwelt; Rick Riordan: Percy Jackson; C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia; J.M. Barrie: Peter Pan; Lewis Carroll: Alice im Wunderland; Michael Ende: Die unendliche Geschichte; Wolfgang und Heike Hohlbein: Märchenmond

Animal Fantasy

Peter S. Beagle: Das letzte Einhorn; Tad Williams: Traumjäger und Goldpfote; Erin Hunter: Warrior Cats

Science Fantasy

Tad Williams: Otherland; Philip Pullman: His Dark Materials 

Dark Fantasy

Andrzej Sapkowski: Der Hexer-Zyklus; Stephen King: Der dunkle Turm; Stephenie Meyer: Bis(s)-Bücher 

Weitere Subgenres der Fantasy - sie seien hier der Vollständigkeit halber genannt - sind Low Fantasy (Sword and Sorcery; Heroische Fantasy), Humoristische Fantasy, Pseudohistorische Fantasy, Social Fantasy etc. 

 

Das gelistete Subgenre "All Age Fantasy" fasst die Problematik zusammen. Laut Definition umfasst der Begriff "Phantastische Romane und Erzählungen, die Leser jenseits von Altersgrenzen ansprechen. Ursprünglich eher für ein junges Publikum geschrieben, begeistert diese Literatur inzwischen immer mehr erwachsene Leser, da die Autoren spannende Abenteuer mit vielschichtiger Unterhaltung und einer phantastischen Atmosphäre verknüpfen". Zu diesen Romanen gehören die Harry Potter-Bücher ebenso wie die Bücher Philip Pullmans oder Eoin Colfers. Tatsächlich wird jedoch die Gattungsbestimmung von Jugendfantasy, fantastischer Jugendliteratur oder wie auch immer man jene Bücher unter einem Begriff zusammenfassen möchte, nicht abschließend geklärt. 

Könnte eine Ursache hierfür vielleicht sein, dass es keine Trennung und vor allem keine Notwendigkeit einer Trennung der Subgenres gibt? Denn nicht nur lesen Erwachsene Jugendbücher, sondern auch Jugendliche greifen zu Werken der High Fantasy wie Der Herr der Ringe oder Das Lied von Eis und Feuer. Nicht zuletzt die Popularität der HBO-Fantasyserie Game of Thrones zeugt davon. 

Und es kennzeichnet die aktuelle fantastische Jugendliteratur, dass ihre ProtagonistInnen nicht als klassische Jugendliche auftreten, sondern meist reifer und in sich ruhender wirken als die Protagonisten typischer Jugendliteratur. Natürlich ist auch der moderne fantastische Jugendroman noch immer durch das typische Coming-of-Age-Motiv geprägt, aber dieses Motiv fügt sich meist so in die Handlung ein, dass es nur zur Spannung beiträgt. Und es sind in der Regel nicht die typischen Probleme Pubertierender, mit welchen sich die Protagonisten herumärgern müssen. 

Klar ist also, dass die Anwendung von Genredefinitionen auf die aktuelle Jugendfantasy mitunter äußerst willkürlich erscheint (und es sicherlich auch ist) und für Verwirrung beim Rezipienten sorgt. 

Ich möchte hier nicht für eine Aufhebung der Genrezuordnungen oder der Gattungen generell plädieren, sondern denke, dass gerade im Bereich der Fantasy das Genre größer gedacht werden muss - nicht nur in der theoretischen Forschung, sondern im praktischen, alltäglichen Literaturbetrieb. Dies würde bedeuten, dass Verlage und Händler ähnlich mit fantastischen Romanen verfahren wie Autoren und Leser: Sie unabhängig ihres Genres zu bewerten und zu vermarkten. Wie eine solche Umsetzung konkret etwa im Buchhandel aussehen könnte? Zum Beispiel durch eine Fantasyabteilung, die keine Altersgrenzen kennt. 

Denn, seien wir doch ehrlich, die Liebe zur (romantischen) Fantasy endet nicht mit 18 Jahren. Und für mich als Leserin ist letztlich unerheblich, ob die Heldin 14, 40 oder 400 Jahre alt ist, solange ihre Geschichte mich fesselt. 

 

 

 

*Ich möchte an dieser Stelle die Subgenres nur nennen, jedoch nicht weiter auf ihre Definition eingehen. Es wird einen weiteren Blogpost mit einer fundierten Gattungsdarstellung der Fantasy geben, der auch die Definitionen der Subgenres umfassen wird.