John Garth: Die Erfindung von Mittelerde*

Rezension John Garth: Die Erfindung von Mittelerde

Inhalt 


Orte, Mythen und Sprachen: Tolkiens Grundlagen für „Herr der Ringe“ & „Der Hobbit“

Was sind die realen Vorbilder für die Schauplätze von Tolkiens Romanen? Inspiration fand der Schriftsteller in den Landschaften, Bergen und Wäldern Großbritanniens, aber auch in seiner südafrikanischen Heimat und auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Gestützt auf sein profundes Wissen über Leben und Werk Tolkiens identifiziert der mehrfach preisgekrönte Autor John Garth die Orte, die dem Schöpfer von Mittelerde als Anregung für das Auenland, Bruchtal oder die Höhlen von Helms Klamm dienten.

(Quelle: Verlagsseite wbg)

Meine Meinung und Fazit

Seit ich den Herrn der Ringe gelesen habe, habe ich mich immer auf für das "Dahinter" interessiert: Was Tolkien zu seinen Figuren, seiner Welt, seinen Schauplätzen, seinen Sprachen inspirierte, auf welche Quellen er zurückgriff, welche Geschichten ihn prägten. In meinem Studium habe ich mich dann mit ganz ähnlichen Dingen wie Tolkien beschäftigt und bin eingetaucht in die nordische Mythologie, in die Helden- und Rittergeschichten des frühen und hohen Mittelalters. Mit dem Nibelungenlied habe ich mich mit einem Epos beschäftigt, das in verschiedener Hinsicht ganz zentral auch Tolkiens Werk bestimmte: Zum einen wollte Tolkien selbst eine Art Nationalmythos schaffen - für England, nach dem Vorbild der nordischen Mythen und, mit Blick auf die 'Deutschen', wie das Nibelungenlied. Auf der anderen Seite sind die Einflüsse des Nibelungenstoffes in seinem Werk deutlich zu erkennen und ist doch der Nibelungenmythos selbst Teil jener nordischen Stoffe, die Tolkien Inspirationsquelle waren.
 
Auch darauf geht John Garth in seinem Werk Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte ein. Die Quellen Tolkiens machen einen wichtigen Aspekt seines Buches aus. Ein zentraler Aspekt ist natürlich die Idee des Ursprungsmythos, die Tolkien verfolgte. Ganz im Stil mittelalterlicher Reiche und Fürstenhäuser, die sich besonders gerne auf Troja (der bekannteste dieser Ursprungsmythen ist die Gründung Roms durch den aus Troja geflüchteten Aeneas), aber auch auf biblische Figuren zurückführten, entwickelt Tolkien dieses Konzept für den Herrn der Ringe.
Aber es sind nicht nur historische oder literaturgeschichtliche Quellen, die Garth erläutert, sondern auch die Eindrücke Tolkiens auf seinen Reisen, seine Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg an der Somme und die Ländereien seiner Kindheit, die Tolkiens Mittelerde prägten.
Einige dieser Fakten waren mir bereits bekannt, zuletzt durch die Dokumentation J.R.R. Tolkien - Herr der Worte, Herr der Welten von Simon Backes aus dem Jahr 2014, aber vieles war auch neu und interessant für mich. Jedes Kapitel ist reich bebildert und visualisiert Tolkiens Ideen.
Nicht so ganz einleuchtend finde ich die Anordnung der Kapitel: Wir beginnen im Auenland bzw. in England und gelangen über die nordischen Vorbilder, die Inspiration in der Natur und entlehnte historische Motive zu Krieg und Industrialisierung, die unmittelbar Tolkiens eigene Erlebnisse und Eindrücke widerspiegeln. Hier hätte ich mir vielleicht etwas mehr Ordnung in dem Sinne gewünscht, dass die Kapitel logisch miteinander verknüpft sind. 
 
Tolkien selbst sagte einmal, bezogen auf den Anhang zum Herrn der Ringe:

"I am not now at all sure that the tendency to treat the whole thing as a kind of vast game is really good – cert. not for me, who find that kind of thing only too fatally attractive. It is, I suppose, a tribute to the curious effect that story has, when based on very elaborate and detailed workings of geography, chronology, and language, that so many should clamour for sheer 'information’, or 'lore’." (Letters, S. 160) Und für alle jene, die genau nach solcher Information oder "schierer Kunde" verlangen, ist Garths Die Erfindung von Mittelerde die ideale Literatur. Es bietet einen breiten Überblick über Tolkiens Quellen und Inspirationen und geht dabei doch so ausreichend in die Tiefe, dass keine Fragen offen bleiben und die Aspekte auch für alle diejenigen, die sich nicht mit Geschichte, Literaturgeschichte etc. oder auch nur in dieser Intensität mit Tolkiens Werk beschäftigten, verständlich sind.
 
Mit persönlich hat Garths Buch sehr gut gefallen und ich werde es wohl auch weiterhin als Nachschlagewerk nutzen.

 

John Garth: Die Erfindung von Mittelerde. Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte, übers. von Andreas Schiffmann, wbg Theiss, Darmstadt 2021, 208 S., ISBN 978-3-8062-4260-7, 32 Euro. 

*Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Verlag wbg Theiss als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension entspricht jedoch meiner persönlichen Meinung. Es wurden keinerlei Vorgaben zum Inhalt der Rezension gemacht. Ich erhalte dafür keinerlei Vergütung. Die gesetzten Verlaglinks dienen lediglich der weiterführenden Information.