Die Freuden des Bewerbens

Die Freuden des Bewerbens

Der folgende Beitrag ist eine persönliche, nicht ganz ernstgemeinte Einschätzung des Bewerbens. Es ist kein Bewerbungsleitfaden oder sonstiger Ratgeber. 

Wie vielleicht manche schon wissen, stecke ich aktuell mitten im Bewerben. Und dachte ich bisher, ich hätte durch meine Erfahrungen im Einzelhandel schon alles erlebt und gesehen, werde ich nun eines Besseren belehrt: In keiner anderen Situation lernt man Menschen und Unternehmen so kennen wie im Prozess des Bewerbens. Das ist nicht als Negativkritik zu verstehen - durchaus nicht. Wie überall begegnet man ebenso Positivem wie Negativem. 

Wenn ich mir manche Gruselgeschichten durchlese, muss ich eingestehen, dass ich bisher Glück hatte und viele neue, wichtige Erfahrungen sammeln konnte, die mir geholfen haben, herauszufinden, was ich möchte, wer ich sein will, was ich kann und entsprechend selbstbewusster aufzutreten. 

Meine wichtigste Erfahrung ist dabei bisher die, dass man eigentlich erst dann wirklich einschätzen kann, ob man für ein Unternehmen hätte arbeiten wollen, wenn man die Absage in der Hand hält und es für diese Art der Aussage ohnehin zu spät ist. Die Art der Absage sagt mehr über etwa den Umgang mit Mitarbeitern aus als jedes Vorstellungsgespräch. Die Bandbreite reicht dabei von freundlichen, personalisierten über sehr höflich-förmliche bis zu reinen Satzbaustein-Absagen. Gerade das Letztere stößt einem als Bewerber besonders dann unangenehm auf, wenn man sogar ein Vorstellungsgespräch hatte und der Eindruck eigentlich ein recht positiver war. Gerade dann würde ich mir doch eine etwas persönlichere Färbung wünschen, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass kein Personaler riskieren möchte, aufgrund einer Email verklagt zu werden. 

Ich bin mittlerweile dazu übergangen, den Prozess des Bewerbens mit einem Kennenlernen bei Tinder zu vergleichen: 

1. Ich lese das Stellenangebot und wir "matchen": die Stelle entspricht dem, was ich suche und ich entspreche den Anforderungen. 

2. Ich schicke meine Bewerbung los - sage also "hi" und erzähle etwas über mich. Jetzt wird sich entscheiden, ob das Interesse beiderseitig ist. 

3. Im Idealfall fand das Unternehmen, also mein Tinder-Match, meine Nachricht und mich ganz interessant und lädt mich zum Vorstellungsgespräch ein. Unser erstes Date also. 

4. Wie beim ersten Date bin ich entsprechend nervös, achte auf meine Kleidung, lege mir mögliche Gesprächsthemen zurecht und möchte natürlich überzeugen und auch überzeugt werden. Auch hier gilt: der erste Eindruck zählt. Und so wie mein Date vielleicht feststellen würde, dass es meine Art zu reden nicht mag oder ich finde, dass er Mundgeruch hat, so stellen auch hier die Datepartner fest, ob man sich den grundsätzlich miteinander anfreunden könnte. 

5. Beim Daten würde man sich vielleicht nach ein paar Tagen auf ein zweites Date treffen. So wird mir im idealsten aller Idealfälle der Job angeboten. Meine Suche und mein Daten wären also erfolgreich gewesen. 

6. Aber wie beim Daten gibt es auch in dem Fall, dass sich das erste Date nicht wiederholen wird, verschiedene Möglichkeiten:

a) Ich bekomme eine freundlich-höflich-distanzierte Nachricht, dass es leider nicht geklappt hat, man mir aber für die Zukunft alles Gute wünscht. Wahlweise auch weniger freundlich und ohne Zukunftswünsche. 

b) Ich werde geghostet, d.h. ich höre einfach nie wieder etwas. Auch das kann im Bewerbungsprozess durchaus passieren. Es ist hier ebenso wenig die feine englische Art wie beim Date, sondern zeugt einfach von fehlendem Respekt. 

Die Details können sich dabei natürlich von Bewerbung zu Bewerbung, von Date zu Date unterscheiden. 

Wer schon einmal via Tinder und Co. auf Partnersuche war, weiß wie nervig und zermürbend das mitunter sein kann. Dabei beschränkt es sich nicht auf einzelne Frösche, die man sprichwörtlich küssen muss, bis der Prinz dabei ist, sondern es sind ganze Laiche, die gerne Frösche wären - später mal. (Aber das ist ein Thema für einen anderen Post.) 

Vielleicht findet sich ja der eine oder andere, ebenfalls auf Jobsuche, in dem Vergleich mit Tinder wieder. Und wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt: wie lange dauert denn die Partnersuche via Tinder? - Eben.