Christina Henry: Die Chroniken von Alice - Finsternis im Wunderland*

Rezension Christina Henry: Die Chroniken von Alice - Finsternis im Wunderland

Inhalt

Folge nicht dem Kaninchen...

Seit zehn Jahren ist Alice in einem düsteren Hospital gefangen. Alle halten sie für verrückt, während sie selbst sich an nichts erinnert. Weder, warum sie sich an diesem grausamen Ort befindet, noch, warum sie jede Nacht Albträume von einem Mann mit Kaninchenohren quälen. Als ein Feuer im Hospital ausbricht, gelingt Alice die Flucht. An ihrer Seite ist ihr einziger Freund: Hatcher, der geisteskranke Axtmörder aus der Nachbarzelle. Doch nicht nur Alice und Hatcher sind frei. Ein dunkles Wesen ist ebenfalls entkommen und jagt die beiden. Erst wenn Alice dieses Ungeheuer besiegt, wird sie die Wahrheit über sich herausfinden – und was das weiße Kaninchen ihr angetan hat...
(Quelle: Verlagsseite Randomhouse)

Meine Meinung und Fazit

Über Die Chroniken von Alice – Finsternis im Wunderland muss man zunächst wissen, dass sich die Nacherzählung sehr weit von Lewis Carrolls Original entfernt. Das „Wunderland“, das uns hier begegnet, hat nichts wunderbares an sich: Es ist eine dunkle, grausame Welt mit ebensolchen Bewohnern. Die Schilderung der Alten Stadt hat mich mehr an die Armutsviertel eines Dickens-Roman erinnert, denn an eine Wunderwelt, in der man gerne zum Tee bleiben möchte.

Ähnlich ist es mit den aus Alice im Wunderland bereits bekannten Figuren: dem Grinser (der Grinsekatze), der Raupe und dem Kaninchen – diesem Kaninchen möchte man auf keinen Fall folgen. Es ist bezeichnend, dass auf der Verlagsseite eine Triggerwarnung die Buchvorstellung begleitet: „Warnung: enthält explizite körperliche sowie seelische Gewaltszenen“. Ich habe bereits in den Sozialen Medien mitbekommen, dass einige das Buch unter- oder wegen seiner Brutalität sogar abgebrochen haben und es stimmt, Vergewaltigung wird ebenso thematisiert wie Massenmord, Sklaverei und schwere körperliche und seelische Misshandlung. Mich persönlich hat das jedoch nicht gestört: Es ist eine düstere Nacherzählung bzw. Neuerzählung und hat nichts mit der literarischen Vorlage gemein. Das muss man sich bewusst machen. Diese Erfahrungen, die die Protagonisten Alice selbst machen musste, sind wichtig für ihre Charakterentwicklung. Die Entwicklung, die Alice im Roman durchläuft, ist so viel eindrucksvoller und bedeutsamer. Auch die zweite männliche Hauptfigur, Hatcher, ist ein äußerst interessanter Charakter. Ich freue mich schon jetzt darauf, zu erfahren, welchen Verlauf das Schicksal der beiden noch nehmen wird.

Ich muss gestehen, dass ich nie ein großer Freund des Werks von Carroll war: Die Geschichte war immer ein wenig zu verrückt, zu sehr Drogentrip, und die Figuren fand ich zum Teil regelrecht gruselig – etwa die Grinsekatze oder die merkwürdige Raupe. Diese Neuerzählung hat mir im Vergleich sehr viel besser gefallen – in aller Grausamkeit und Bösartigkeit. Die Geschichte war bis zum Schluss spannend und bedrohlich.

Eine Leseempfehlung für alle, die sich auch von drastischen Beschreibungen nicht abschrecken lassen und das Wunderland gegen eine blutige und düstere Realität eintauschen wollen.

Christina Henry: Die Chroniken von Alice. Finsternis im Wunderland, übers. von Sigrun Zühlke, Penhaligon Verlag, München 2020, 352 S., ISBN 978-3-7645-3234-5, 18 Euro. 

*Dieses Buch wurde mir freundlicherweise von Penhaligon in der Verlagsgruppe Randomhouse als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension entspricht jedoch meiner persönlichen Meinung. Es wurde keinerlei Vorgaben zum Inhalt der Rezension gemacht. Ich erhalte dafür keinerlei Vergütung. Die gesetzten Verlagslinks dienen lediglich der weiterführenden Information.