C.E. Bernard: Das Lied der Nacht*

Rezension C.E. Bernard: Das Lied der Nacht

Inhalt

»Ich erzähle euch eine Geschichte. Sie beginnt in einem finsteren Tal mit hohen, schneebedeckten Bäumen. Sie beginnt mit einem einsamen Wanderer in den fahlen Stunden des Zwielichts, in der bläulich glänzenden Dämmerung. Sie beginnt mit einer Frage. Fürchtet ihr euch?« 

Die deutsche Fantasy-Autorin C.E. Bernard hat ein episches, bewegendes und beeindruckendes Meisterwerk geschaffen, das High-Fantasy-Leser feiern werden. »Das Lied der Nacht« ist die Geschichte des in sich gekehrten Wanderers Weyd und der mutigen Bardin Caer, die gemeinsam vor einer fast nicht zu bewältigenden Aufgabe stehen: Feuer in einer Welt entzünden, in der Schatten, Albträume und Furcht regieren. Und die einzige Hoffnung, die sie in diesem Kampf haben, ist ein Lied ...
(Quelle: Verlagsseite Randomhouse)

Meine Meinung und Fazit

Eins vorweg: Konnte man die Palace-Saga noch YA-/NA-Fantasy zuordnen, so ist  Das Lied der Nacht eindeutig klassische High Fantasy.

Das beginnt schon damit, dass wir hier keinen jugendlichen Helden haben, sondern eher einen schon etwas abgehalfterten Krieger, etwa wie in Der Name des Windes oder Im Zeichen des Raben - oder eben Geralt von Riva. Weyd erscheint als die perfekte Kombination von Aragorn und Geralt.
Wie könnte es da auch anders sein, dass Weyd in meinem Kopf dann eben auch genau das war: eine Kombination aus Geralt und Aragorn.

Die Gemeinschaft um Weyd ist sehr vielfältig und unterscheidet sich auch in dieser Hinsicht von den meisten Fantasy-Gemeinschaften: Sie sind mittelalt, mittel attraktiv und jeder von ihnen hat ganz eigene Fähigkeiten, mit denen er die Gemeinschaft bereichert. Zur Gruppe gehören auch ein Fuchs und später eine Krähe. Tiere sind hier fast schon vermenschlicht, ohne ihr Tiersein dabei zu verlieren. Sie werden aber als eigenständige Lebewesen wahrgenommen, die genauso Teil der Welt sind wie ihre menschlichen Bewohner. Dieser Aspekt hat mir sehr gut gefallen. Zur Gemeinschaft gehört außerdem ein Unsterblicher. Es ist einfach keine richtige "Fellowship", wenn nicht auch ein Elb (oder eben Vergleichbares) dazu gehört. Wenig sympathisch war mir, aus Gründen, die ich allerdings nicht formulieren kann, die Bardin, obwohl ich ihre Figur, beziehungsweise das Konzept ihrer Figur, interessant finde. Ich hoffe, dass sich das im Verlauf der Geschichte noch ändern wird.

Besonders gut gefallen haben mir auch die Passagen des Erzählers, von dem wir noch nichts wissen, außer dass er die Abenteuer um Weyd berichtet. Ähnlich eines mittelalterlichen Sängers, der die Geschichten von König Artus oder Siegfried weitergibt.

Das Lied der Nacht beginnt bereits sehr stark mit dem Prolog, der mich gleich zu Beginn gefesselt hat. Überhaupt fesselt die Geschichte, sogar dann, wenn die Handlung stillzustehen scheint. Ich hatte das Buch innerhalb eines Tages gelesen - trotz Arbeit etc. Ich konnte es einfach nicht aus der Hand legen. Ich habe am Anfang schon erwähnt, dass es sich hier um High Fantasy (für Erwachsene handelt) und das zeigt sich auch in den bisweilen sehr brutalen Szenen voller Grausamkeit. Zart besaiteten Gemütern könnte das auf den Magen schlagen. Ich musste bei diesen, aber auch manchen anderen Szenen, an ein Zitat von Gandalf denken: "Das Böse wird sich dir von außerhalb der Gemeinschaft nähern. Und auch von innerhalb". Und tatsächlich gibt es für Weyd und seine Gefährten viele Fronten, nicht nur den Herzog und seine Machenschaften, sondern auch die Schatten, die mit Einbruch der Dunkelheit aufziehen und Schrecken verbreiten. Diese fand ich wirklich beängstigend - mit ihrem Gruselfaktor können sie auf jeden Fall mit den Ringgeistern mithalten.

Christine sagt selbst, dass Das Lied der Nacht eine Liebeserklärung an Tolkien sei und so liegt es natürlich nahe, nach Reminiszenzen zu suchen beziehungsweise sie zu finden. Hier ist daher auch der Aspekt der Musik besonders interessant, da Musik auch in Tolkiens Werk eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Der Roman endet, in der Zeitrechnung des Herrn der Ringe, mit Aufbruch der Gefährten von Bruchtal. Das Abenteuer geht also jetzt erst richtig los. Und nach diesem wirklich starken Auftakt der Wayfarer-Trilogie freue ich mich zwar, aber habe auch ein bisschen Angst davor, was uns in Das Flüstern des Zwielichts erwartet.

 Ein besonderes Gimmick von Das Lied der Nacht sind die AR-Elemente im Buch: So gibt es etwa eine kurze zweiteilige Lesung von Christine selbst, den Verweis auf die Palace-Bücher, außerdem eine Playlist zum Buch und ein Inspo-Board bei Pinterest. Die letzten zwei Extras haben mir am meisten gefallen, besonders die Playlist zur Geschichte. Ich hatte, nachdem ich den Roman beendet hatte und mir die Playlist angehört habe, beim Hören gleich die entsprechenden Bilder im Kopf.
Bei den deutschen Neuerscheinungen ist Das Lied der Nacht das erste Buch, das mit AR-Extras kommt. Aber auch im Englischen ist mir bisher nur The Octunnumi bekannt (dazu wird es auch noch Genaueres geben). 

Tatsächlich hat mir im direkten Vergleich Das Lied der Nacht sogar noch etwas besser gefallen als Palace of Glass. Vielleicht, weil ich doch mehr ein klassisches Fantasy-Mädchen bin oder vielleicht auch nur, weil Das Lied der Nacht eine Liebeserklärung an Tolkien sein soll (und ich liebe jeden, der Tolkien liebt). Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr darauf, zu erfahren wie es mit unserer Schicksalsgemeinschaft weitergeht. Zum Glück müssen wir nicht allzu lange auf Band 2 warten: Das Flüstern des Zwielichts erscheint bereits am 19. Juli.

Das finde ich übrigens wirklich großartig: Band 1 erscheint erst, wenn auch die restlichen Teile soweit geschrieben sind, dass sie zeitnah veröffentlicht werden können. So muss man nie Monate und Jahre auf die Fortsetzung warten. Dafür an dieser Stelle ein großes Dankeschön! 

Diese (kurze) Zeit des Wartens werde ich dafür nutzen, mich schon einmal seelisch und mental auf den Fortgang der Reise vorzubereiten: Denn wie wir wissen, passiert schon in Die zwei Türme eine Menge!

 C.E. Bernard: Das Lied der Nacht, übers. von Charlotte Lungstrass-Kapfer, Penhaligon Verlag, München 2021, 416 S., ISBN 978-3-3263-5, 15 Euro. 

 *Dieses Buch wurde mir freundlicherweise vom Penhaligon Verlag in der Verlagsgruppe Randomhouse als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Die Rezension entspricht jedoch meiner persönlichen Meinung. Es wurden keinerlei Vorgaben zum Inhalt der Rezension gemacht. Ich erhalte dafür keinerlei Vergütung. Die gesetzten Verlagslinks dienen lediglich der weiterführenden Information.