Fred Uhlman - Der wiedergefundene Freund*

Fred Uhlman - Der wiedergefundene Freund. Rezension

Inhalt

Aus der Ich-Perspektive wird die Geschichte des 16jährigen Hans erzählt, der in Stuttgart ein altsprachliches Gymnasium besucht. Eines Tages kommt ein neuer Mitschüler in seine Klasse, Konradin von Hohenfels, dessen Familie auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Die beiden freunden sich an - eine tiefe, innige besondere Freundschaft. Doch eines Tages ändern sich die Verhältnisse in Deutschland - es ist das Jahr 1933 und der aufstrebende Nationalsozialismus entzweit nicht nur Deutschland und die Welt, sondern auch die zwei Jugendlichen. 

Meine Meinung und Fazit

Aus der Perspektive des jugendlichen Sohnes eines jüdischen Arztes werden uns die Ereignisse zu Beginn des NS-Regime in Deutschland 1933 geschildert. Dabei tritt das politische Geschehen jedoch über weite Teile der Novelle hinweg in den Hintergrund. Und doch ist der Nationalsozialismus jenes auslösende Moment, dass die Freundschaft der zwei jungen Männer beendet. Obwohl der Untertitel die Geschichte als "Erzählung" einordnet, sieht das Vorwort von Arthur Koestler den wiedergefundenen Freund als eine Novelle, eine Gattung, "die eher auf dem europäischen Kontinent als in den angelsächsichen Ländern zu finden ist" (S. 5). Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich seine Auffassung teile, schildert doch die Novelle in der Regel ein Ereignis, meist eine ungehörte (unerhörte) Neuigkeit, mit einer dem Ziel zustrebenden Handlung. Möglicherweise ist der Beginn der Freundschaft zwischen den zwei Jungen ein solches Ereignis - die Verortung als Novelle ist diskussionswürdig. Nichts desto trotz schildert die Erzählung eindrucksvoll die Auswirkungen der politischen Entwicklung auf das Leben der Menschen. 

Es bleibt am Ende die Feststellung, dass sich niemand den Auswirkungen der Jahre 1933 bis 1945 entziehen konnte, gleich seiner Herkunft, und dass jeder mehr ist und sein kann als seine Familie. Diese Aussage beweist überzeitliche Gültigkeit: Wir sind nicht unsere Familie, unsere Eltern, sondern wir treffen unsere eigenen Entscheidungen, zum Guten wie zum Schlechten. Ein eindrucksvoller, persönlicher Blick auf die Ereignisse des Jahres 1933 (und der folgenden Entwicklungen). 

Besser noch als Fred Uhlmans Werk hat mir persönlich jedoch Adressat unbekannt von Kressman Taylor gefallen, das in der gleichen Zeit eine ähnliche Situation und Entwicklung berichtet, jedoch in Briefform, was das Geschehen noch authentischer, noch unmittelbarer wirken lässt. 

Fred Uhlman: Der wiedergefundene Freund. Erzählung. Mit einem Vorwort von Arthur Koestler, übers. von Felix Berner, Diogenes Verlag, Zürich 1997, 116 S., ISBN 978-3-257-23101-4, 8 Euro. 

 

*Dieser Beitrag ist nicht gesponsert und gibt meine persönliche Meinung wieder. Der Verlagslink dient lediglich der weiterführenden Information.